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Wir werden Tierklinik

Intensivpatient Spotty am Tropf

Herzzerreißende Schreie weckten uns am Sonntagmorgen vor einer Woche. Auf der Mauer saß unsere kleiner Kater Spotty – schwerverletzt.

Schon in der Nacht war uns aufgefallen, dass er nicht wie gewohnt bei uns war. Der unternehmungslustige Spotty ging nachts gern nochmal raus, fand sich aber gewöhnlich gegen zwei Uhr auf seinem Schlafplatz im Haus ein. Diesmal nicht.

Schlechtes Timing

Das Timing hätte schlechter nicht sein können, denn am 15. August feiern die Griechen »Tis Panagias«, das Fest der Allheiligen Muttergottes – ein Montag in diesem Jahr. An dem langen Feiertags-Wochenende arbeitete kein Tierarzt. Die nächste Tierklinik befindet sich in Athen.

Was genau passiert war, wussten wir nicht. Aber es ging dem kleinen Kater sehr, sehr schlecht. Er sah apathisch aus, Nahrung und Wasser verweigerte er. Äußerlich fanden wir nur eine tiefe Wunde am Hinterlauf. Irgendwann entdeckten wir auf der Unterlage Wundsekret von einer inneren Blutung sowie Verletzungen im Genitalbereich. Sowie er einen Moment unbeobachtet war, verschwand er unter unserem Bett. Eine Freundin, die als Rettungsschwester gearbeitet hatte, sich aber auch mit Tieren auskennt, riet uns, die Mieze in die Transportbox zu legen und ihr rund um die Uhr stündlich eine bestimmte Menge Wasser über eine Spritze zu verabreichen. So bekamen wir das Tier über die beiden Tage.

Inzwischen haben sowohl unser Tierarzt im Ort als auch die weiterbehandelnde Veterinärin in Chania die Geschehnisse anhand der Verletzungen rekonstruiert. Unser Katerchen muss im hinteren Bereich mit einem Auto kollidiert und gegen eine Betonmauer geschleudert worden sein. Auch Dornen oder Draht waren im Spiel. Ob wir die Kastration noch brauchen, die für Anfang September geplant war, ist fraglich bei den Verletzungen.

Der Beckenbruch würde bei einem so jungen Tier gut verheilen, so die Prognose. Tragisch nur, dass die inneren Blutungen erst viel zu spät behandelt werden konnten. Sehr ernst besprach die Tierärztin deshalb mit uns, ob wir fähig und willens sind, uns sechs bis acht Wochen in Vollzeit um ein so krankes Tier zu kümmern – quasi einen Intensivpatienten. In dem Gespräch ging es vor allem jedoch um die Lebensqualität des kleinen Katers. Denn der ist die Haupt“person“. Aber Spotty KANN wieder gesund werden. Eine Garantie gibt es allerdings nicht.

Intensivpflege zu Hause

Der Abszess, der sich durch die Einblutungen gebildet hatte und das Rückenmark quetschte, wurde inzwischen in der Vet Clinic von Maria Kampouraki und Anna Valyraki in Chania punktiert. Spotty lag einen Tag am Tropf, ein Katheder musste gelegt und täglich kontrolliert werden. Für die Nacht bekamen wir das Tier jeweils mit nach Hause. Wir lernten, wie man einen Kater, der sich nicht selbst putzen kann, pflegt und was man dafür braucht. Wir können einer sich beißend und kratzend wehrenden Katze eklig schmeckende Medizin verabreichen und die Blase ausdrücken. Dazu putzen, putzen, putzen, denn der Kater kann auch den Darm noch nicht wieder steuern. Dass wir zu all‘ dem überhaupt fähig sind, hätten wir noch vor Kurzem nicht für möglich gehalten.

Gut, dass es Inkontinenzunterlagen gibt. Einer von uns hat regelmäßig Dienst und liegt mit dem Kleinen auf unserem mit den Unterlagen geschützten Bett. So muss er nicht immer nur in der Box sein. Und der Kater genießt es! Als wir Familienbesuch hatten, kam der Kater abends in der Box – frisch zurechtgemacht – mit in die Taverne. Wir saßen irgendwo am Rande, so dass das bei dem Wetter hier nie ein Problem war.

Fotos oben: Norbert und Katzenschwesterchen Piggy sind die beste Medizin.

Der Bruch scheint tatsächlich gut zu heilen. Als Spotty das erste Mal wieder eigenständig fraß und selbst die Blase entleeren konnte, waren wir überglücklich. Jetzt frisst der kleine Kämpfer wie vorher. Auch die Schmerzen scheinen langsam nachzulassen. Freunde wollen uns ihre große Hundebox leihen, damit er mehr Platz hat.

Leider reicht das alles aber noch nicht. Die Nerven an Schwanz, Blase und Darm sind noch nicht intakt. Er hat ja aber noch ein paar Wochen. Das „wenn nicht“ wollen wir aktuell gar nicht denken. Wir hoffen, alles wird gut, und dass Spotty sein altes Leben zurückbekommt. Der kleine Kerl hat es verdient.

Update 07.09.2022

Spotty fühlt sich in seiner neuen, größeren Box wohl. Am liebsten ist er aber mit Norbert auf dem Bett.
Er hat einen gesunden Appetit und der Bruch verheilt super. Gern hätten wir ihn am Gehgeschirr schon etwas laufen lassen, aber die Ärztin hat es verboten. Er braucht noch mindestens vier Wochen Ruhe, sagt sie.
Leider ist der kleine Kater immer noch doppelt inkontinent, d.h. er kann Blase und Darm nicht kontrollieren. Auch der Schwanz ist noch immer ohne Gefühl. Wird das nicht besser, soll in vier Wochen amputiert werden. Blase und Darm würden sich dann schneller regenerieren. Wir hoffen …

Update 15.10.2022

Ein erfahrener Tierphysiotherapeut, eine Tierpflegerin mit ausgewiesener Expertise für kranke Katzen, auf ihre Empfehlung hin eine zweite medizinische Meinung von DEM Spezialisten für Tierknochen … Wir haben uns an vielen Stellen Rat geholt, damit es Spotty im Rahmen seiner Möglichkeiten besser gehen kann. Also besorgten wir ein Gehgeschirr sowie Windeln, Penatencreme und vieles andere mehr.
An der Amputation aber führte nichts vorbei. Der neue Tierarzt riet dazu, so schnell wie möglich zu amputieren und uns auf die Regeneration der Nerven zu konzentrieren.
Seit gestern hat Spotty nun keinen Schwanz mehr. Zeitgleich wurde kastriert. Unserem kleinen Kater geht es den Umständen entsprechend gut. In unserem vor Verschmutzung gut gesicherten Schlafzimmer kann er sich schon wieder gut bewegen und mit seinen Schwestern spielen. Nur der Trichter am Kopf nervt. Übermorgen ist Kontrolltermin, in einer Woche kommen die Verbände ab.

Update 19.10.2022

Kater Spotty ohne Schwanz

Kater Spotty ohne Schwanz

Spotty ist wieder fit für die Welt da draußen. Aber … Das erste Mal Ausgang und schon war der kleine unternehmenslustige Kater verschwunden. Das angeblich ausbruchsichere Gehgeschirr überwand unser Spotty draußen im Nu. Gemeinsam mit unserem katzenerfahrenen Besuch aus Berlin bemühten wir uns, den Kater wieder einzufangen. Leicht war das nicht …

Das Gute an der Situation:
Spotty ist voller Leben und ziemlich fit nach der langen Zeit im engen Käfig, gleichzeitig aber auch irgendwie vorsichtig. Beides hätten wir nicht für möglich gehalten.

Ganz, ganz schlecht:
Als sich Spotty vor dem Einfangen durch uns über die Mauer in den Garten der britischen Nachbarin rettete und unter ihrem Busch versteckte, nahm diese einen großen Knüppel zur Hand – quasi Knüppel gegen Krüppel. Meine Nichte verhinderte, dass er zum Einsatz kam.

Unter diesen schwierigen Umständen sind weitere Ausgänge natürlich erstmal gestrichen, so schlecht das für den kleinen Kater gerade ist. Er muss raus, aber seine Sicherheit geht vor.

Update 05.11.2022

Wieder sind ein paar Wochen vergangen. Spotty macht weiter Fortschritte, aber es dauert eben, ehe sich Nerven regenerieren. Und so lange müssen wir mit der Inkontinenz leben. Das heißt putzen, putzen, putzen. Mal sehen, ob wir mit den neuen Windeln, die wir heute bekommen haben, besser klarkommen. Das würde vieles erleichtern. Aber der kleine Mann liebt seine Freigänge und das abendliche Spielen mit seinen Schwestern. Beides wollen wir ihm natürlich weiter ermöglichen.

Brüderchen und Schwesterchen: Spotty (rechts) und Ms. Piggy

Inzwischen haben wir auch ein besseres Gehgeschirr gefunden. Damit waren wir gestern alle zusammen im Olivenhain unterwegs. Spotty war so glücklich, dass er – angeleint zwar – im Gras liegen und mit seinen Schwestern herumjagen konnte. Gut, dass ich durch Giorgias Aerobic-Training fit bin. Als die Schwestern dann auf dem Baum verschwanden, musste ich allerdings passen 🙂

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